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Meißen nach der Flut: Das Wasser ist weg, die Heuchelei bleibt

19.06.13

  10:29:00, von schnasti, 673 Wörter  
Kategorien: Satire

Meißen nach der Flut: Das Wasser ist weg, die Heuchelei bleibt

Mit Tränen in den Augen rekeln sich in Meißen Stadtrat und andere Plötzlich-Wohltäter vor den Kameras des Regionalsenders tvM, um ihr Mitgefühl und ihre Hilfe für flutgeschädigte Gewerbetreibende anzubieten. Mit zarten, einfühlenden Worten erklärt man den Bürgern der Stadt Meißen damit: Ihr tolles Meißen lebt nur vom Tourismus und hat eigentlich sonst nichts weiter zu bieten, schon gar nicht für seine Mitbürger.

Und das zeigt sich auch im Konsens der Möchtegern-Wohltäter. Es geht schlicht um den schnellen wirtschaftlichen Schwung, der wieder durch die Straßen von Meißen wehen muss, wobei gerade die prekär besetze Förderschule die letzte ist, die wieder den Unterricht aufnimmt, obwohl jene weit oben auf dem Kalkberg thront. Hier scheint es wohl an einem Lehrermangel zu liegen, sodass die vorher ausselektierten Schüler aus sozial schwachen Familien die letzten sind, die ihren Stoff nicht vermittelt bekommen. Die haben es ja auch nicht nötig!?

Oder wie wäre es einmal mit einer Unterstützung - oder einem Spendenaufruf - für das geschlossene Freibad in Meißen-Bohnitzsch, damit unsere Kinder nicht ein überteuertes Hallenbad im Sommer aufsuchen müssen, wo sie für zwei Stunden so viel Geld lassen, wie für den ganzen Tag im damaligen Freibad? Komisch, hier stellt sich kein Bauunternehmen mit seinen ausgebeuteten Mitarbeitern feucht-fröhlich lächelnd vor die Kamera und sagt: Wir helfen euch!

Doch der Eigennutz ist bei solchen Shows gewisser ?Helfer? leider größer als alles andere. So präsentiert man sich wohltätig als Unternehmer, Stadtrat oder wer auch immer, lässt dabei seine Knechtschaft umsonst bei Vereinen, die es oft gar nicht nötig haben, arbeiten und klopft sich dann seicht hochmütig vor der Kamera auf die Schulter. Eine tolle Promotion, um weitere Aufträge und Sympathie einzusacken, oder?

Oder was? Oder was ist mit dem Freizeitpark, ebenfalls in Bohnitzsch, der seit Jahren verkommt? Dort wo zwei Volleyballfelder, ein Fußballfeld, ein Basketballfeld, eine Minigolfanlage, ein Spielplatz für Kinder und eine Skateranlage zur kostenlosen Nutzung angeboten und auch ausreichend genutzt wurde? Diesem Verein hat damals niemand geholfen! Ach ja, dort konnten ja jene desillusionierten und desorientierten, aus sozial schwachen Familien stammenden Förderschüler endlich mal ohne wirtschaftlichen Schwung zu verbreiten toben und Spaß haben. So ein Mist aber auch. Jetzt müssen sie wahrscheinlich bei Bier und Schnaps den letzten verbliebenen Volleyballplatz am Elbsommer nutzen, wenn er denn mal frei ist. Und überlegen wir einmal: Freizeitpark und Freibad liegen äußerst nah beieinander. Im Sommer könnten Kinder und Jugendliche in Kombination beides perfekt nutzen.

Aber nein. Wir stampfen höchstens kleine, sinn- und spaßfreie Spielplätze in prekären Vierteln wie Meißen Cölln aus dem Boden. Daneben dinieren Bier und Krug bei Schnaps und Wein zum Morgen, Mittag und Abend. Jene Spielplätze, die als Attraktion eine Affenschaukel und eine zwei Meter breite zu ein Meter hohe ?Kletterwand? für jeweils zwei Kinder bieten. Da kommt Freude auf zum Nachmittag; bei 40 Grad in der Sonne, ohne Freibad in Sicht. Auch hier klopften sich damals Oberuntertan und seine Gefolgschaft wohlwollend auf die Schulter. Das peinliche an solchen Scharaden ist meiner Meinung ja immer, dass sie glauben, irgendetwas sinnvolles getan zu haben. Einfach köstlich, diese Bande.

Doch natürlich gibt es auch positive Aussichten in den Problemvierteln. Immer mehr Einrichtungen wie die Arche machen sich breit, bei denen Eltern, und auch die Stadt selbst, ihre Verantwortung für ihre Kinder und Bürger komplett abgeben können. Hier sind sie endlich von der Last der Erziehung befreit und müssen sich nicht mehr um das schwierige Kind bemühen, was zu hause ständig die Mäuse auf den Tisch tanzen lässt, da es womöglich gar nicht mehr weiß, wo es überhaupt noch hingehört. Endlich sind gestresste H4-Eltern von der Bespaßung ihrer Kinder befreit. Ja, genau jene Einrichtungen wie die Arche, die ihren Bau durch die äußerst gesunde und spenden willige Fast-Food-Kette McDonalds ermöglichen konnte. Hmm, jetzt fragt sich der gebeutelte Bürger natürlich, warum McDonalds nichts für ein Freibad spendet? Aber auch das ist leicht zu beantworten. Wahrscheinlich liegt das ehemalige Freibad nicht eine Straße weiter; 50 Meter Luftlinie von der McDonalds-Filiale entfernt. Und wahrscheinlich würden Kinder in das Freibad ohne Betreuer gehen, die versuchten, den Kinder das Einmaleins der christlichen Religion einzubläuen, um sie für jene Religion zu gewinnen.

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